Wenn der Taufstein sein weißes Kleid trägt
Der Februar zeigt sich von seiner rauesten Seite, als ich mich an diesem frühen Morgen auf den Weg zum Taufstein mache. Mit seinen 773 Metern thront er als höchster Berg des Vogelsbergs über der hessischen Landschaft, ein schlafender Riese vulkanischen Ursprungs, der heute in dichtes Weiß gehüllt ist. Der Schnee knirscht unter meinen Schritten, während ich den ersten Anstieg in Angriff nehme.
Durch verschneite Wälder
Der Weg führt mich zunächst durch dichte Fichtenwälder, deren Äste unter der Last des Neuschnees beinahe bis zum Boden reichen. Hier und da bricht ein Sonnenstrahl durch das Geäst und lässt die Schneekristalle wie Diamanten funkeln. Die Stille ist beinahe greifbar, nur das gelegentliche Knacken eines Astes oder das entfernte Rufen eines Vogels durchbricht die winterliche Ruhe.
Je höher ich steige, desto mehr lichtet sich der Wald. Die Buchen haben längst ihre Blätter verloren und strecken ihre nackten Äste wie Kunstwerke in den grauen Himmel. Zwischen den Stämmen hindurch erahne ich bereits die sanften Kuppen der Vogelsberg-Landschaft, die sich wie eine gefrorene Welle bis zum Horizont erstreckt.
Auf dem Gipfel der Vulkanregion
Nach gut anderthalb Stunden erreiche ich den Gipfelbereich. Der Taufstein präsentiert sich als weitläufige, baumlose Kuppe – typisch für diese alte Vulkanlandschaft. Hier oben pfeift der Wind schärfer und ich spüre die Kälte durch alle Schichten meiner Kleidung hindurch. Doch die Aussicht entschädigt für jede Mühe: Ein 360-Grad-Panorama über das winterliche Hessen breitet sich vor mir aus.
Nach Süden blicke ich hinüber zum Hohen Meißner, dessen markante Silhouette sich gegen den Himmel abzeichnet. Im Westen grüßen die Höhen des Westerwalds, während sich nach Norden die endlosen Wälder der Schwalm erstrecken. Bei klarem Wetter soll man sogar bis zur Rhön blicken können, heute versperren jedoch tiefhängende Wolken die Fernsicht.
Auch im Winter lebendig
Besonders faszinierend sind die Tierspuren, die den frischen Schnee durchziehen. Hier hat ein Reh seinen nächtlichen Pfad durch den Pulverschnee gezogen, dort haben Hasen ihre charakteristischen Sprungspuren hinterlassen. Ein Fuchs scheint ebenfalls hier oben gewesen zu sein – seine Spur führt zielstrebig über die Kuppe hinweg ins Tal.
Der Taufstein ist auch im Winter ein lebendiger Ort. Trotz der Kälte begegne ich anderen Wanderern, die wie ich den Reiz dieser kargen Schönheit zu schätzen wissen. Ein freundliches Nicken, ein kurzer Gruß – mehr braucht es nicht, um die Verbundenheit unter den Winterwanderern zu spüren.
Abstieg durch die Dämmerung
Der Abstieg führt mich auf anderem Wege zurück ins Tal. Die Sonne steht bereits tief und ihr schwaches Licht taucht den Schnee in warme Rosatöne. Die Schatten werden länger, die Kälte beißender. Jetzt zeigt der Vogelsberg seine ursprüngliche, fast mystische Seite: eine Landschaft, die ihre vulkanische Vergangenheit nicht verleugnen kann.
In den geschützten Mulden zwischen den Hügeln sammelt sich der Schnee meterhoch. Hier entstehen kleine Schneeverwehungen, die aussehen wie abstrakte Skulpturen. Die Natur wird zur Künstlerin und ich bin privilegierter Betrachter ihrer Werke.
Ein Berg für alle Jahreszeiten
Der Taufstein beweist eindrucksvoll, dass Hessens Berge auch im Winter ihre Reize haben. Wer die Stille und Klarheit der kalten Jahreszeit schätzt, findet hier ein perfektes Ziel für eine Tagestour. Die Wege sind gut markiert, die Anstiege moderat, und die Belohnung in Form der Aussicht ist garantiert.
Der Vogelsberg im Winter ist ein Erlebnis für alle Sinne: das Knirschen des Schnees, der Duft der kalten Luft, der Anblick der verschneiten Landschaft. Ein Berg, der zeigt, dass auch in Hessen echte Bergerlebnisse möglich sind.