Zum Jahresausklang auf den Taubenberg
Die letzten Tage des Jahres sind angebrochen und nach dem Trubel der Weihnachtsfeiertage sehne ich mich nach Ruhe in der Natur. Also nichts wie hinauf auf den Taubenberg! Der 896 Meter hohe Berg im bayerischen Voralpenland, rund eine Dreiviertelstunde südlich von München, verspricht stille Wälder und schöne Ausblicke.
Durch den winterlichen Wald bergauf
Ich starte am Ortsrand von Osterwarngau an einem kleinen Dorfweiher, denn von hier führt ein Pfad direkt in den verschneiten Wald. Die klare Winterluft ist frisch, mein Atem bildet kleine Wölkchen und unter den Stiefeln knirscht die dünne Schneedecke. Nach ein paar Minuten erreiche ich eine erste Wegkreuzung. Ein hölzerner Wegweiser zeigt nach links zur Wallfahrtskapelle Nüchternbrunn. Ich folge dem Schild und tauche tiefer in den dichten Tannenwald ein.
Bald darauf entdecke ich am Wegrand rote hölzerne Bildtafeln. Ich befinde mich auf einem Rosenkranzweg mit gemalten biblischen Szenen, der dem ohnehin stillen Wald eine zusätzliche besinnliche Note verleiht. Während ich gemächlich an Höhe gewinne, ist außer dem leisen Rascheln der Bäume und dem Knirschen des Schnees nichts zu hören. In der Ferne klopft ein Specht, ansonsten genieße ich wohltuende Stille.
An der Wallfahrtskapelle Nüchternbrunn
Etwa eine halbe Stunde seit Aufbruch lichtet sich der Wald. Vor mir steht auf einer kleinen Lichtung ein unscheinbares weißes Kirchlein: die Wallfahrtskapelle Nüchternbrunn. Ihre Tür ist verschlossen, doch durch ein Gitter kann ich einen schlichten Altar und eine Marienfigur im Inneren erkennen. Neben der Kapelle plätschert aus einem steinernen Becken eine Quelle. Früher wurde dem Brunnen eine heilende Wirkung nachgesagt. Ich schöpfe mir eine Handvoll von dem eiskalten Wasser und befeuchte mein Gesicht. Ein kleiner Frischekick an diesem stillen Ort.
Am Rand der Lichtung laden ein hölzerner Unterstand und Bänke zur Rast ein. Dankbar lasse ich mich nieder. Die blasse Wintersonne bricht kurz durch die Wolken und malt goldene Flecken auf den Schnee. In der friedlichen Stille blicke ich auf das vergangene Jahr zurück. Dieser verborgene Ort im Wald ist perfekt, um zur Ruhe zu kommen und zu reflektieren.
Weite Blicke am Taubenberghaus
Schließlich breche ich wieder auf und setze meine Wanderung fort. Hinter der Kapelle führt ein schmaler Pfad weiter, bis er in einen breiteren Forstweg mündet, dem ich nun gemächlich folge. Nach etwa zwanzig Minuten taucht vor mir der das Taubenberghaus auf. Vor dem großen Gasthaus erstreckt sich ein weiter Biergarten, der im Winter natürlich menschenleer und von einer feinen Schneeschicht überzogen ist. Das Gebäude selbst ist an diesem Dezembertag geschlossen.
Dennoch hat der Ort seinen Reiz: Am Geländer des Biergartens eröffnet sich ein weiter Blick über die Baumwipfel hinweg. Die Gipfel der Tegernseer und Schlierseer Berge leuchten in der Ferne, mittendrin erkenne ich den markanten Wendelstein in weißer Winterpracht. Hier oben herrscht völlige Ruhe. Eine leichte Brise lässt mich frösteln, doch der Anblick der schneebedeckten Bergkette und die friedliche Stimmung wärmen mich von innen.
Der alte Aussichtsturm im Winterschlaf
Hinter dem Gasthaus führt ein Weg weiter hinauf in den Wald. Am Waldrand steht die winzige hölzerne St. Benno-Kapelle, dann erreiche ich nach wenigen Schritten den historischen Aussichtsturm. Der etwa 30 Meter hohe Rundturm aus hellem Stein wurde 1911 von der Stadt München erbaut,denn der Taubenberg ist Teil des Münchner Trinkwasserschutzgebiets.
Über dem Eingang wacht das Münchner Kindl, doch die schwere Holztür ist fest verschlossen. Im Sommer könnte man sich im Gasthof den Schlüssel ausleihen, um die enge Wendeltreppe hinaufzusteigen, doch nun ruht der Turm im Winterschlaf. Ich bleibe einen Moment unten stehen und stelle mir den Rundumblick von oben vor: weite Wälder, sanfte Hügel und im Süden die gesamte Alpenkette. Das muss atemberaubend sein.
Drei Kreuze und der Rückweg ins Tal
Unweit des Turms ragen drei hölzerne Kreuze nebeneinander in den winterlichen Himmel. Laut einer alten Legende verdanken diese Kreuze einem Gelübde ihre Existenz: Ein Fuhrmann stieß hier einst auf drei giftige Schlangen. In seiner Not versprach er, drei Kreuze zu errichten, wenn er unversehrt weiterkäme. Die Schlangen verschwanden, der Mann hielt Wort und so stehen bis heute diese drei Kreuze auf dem Taubenberg und erinnern an das Wunder.
Inzwischen neigt sich der kurze Wintertag dem Ende zu und ich begebe mich auf den Rückweg. Die frühe Dämmerung taucht den Wald in bläuliches Zwielicht, daher steige ich zügig ab. Bald erreiche ich wieder die ersten Häuser von Osterwarngau und schließlich meinen Ausgangspunkt.
Unten angekommen leuchten über den Bäumen bereits die ersten Sterne. Zufrieden atme ich die kalte Abendluft ein. Die Wanderung auf den Taubenberg war genau, was ich brauchte: stille Pfade, ein bisschen Geschichte und dazu herrliche Ausblicke. Mit klarem Kopf und frischer Energie trete ich den Heimweg an und bin bereit für das neue Jahr.