Das Raggenhorn ruft

Der September hatte bereits seine goldenen Finger über das Westallgäu gelegt, als ich mich an einem strahlenden Morgen auf den Weg zum Raggenhorn machte. Dieser 1056 Meter hohe Ausläufer des Schwarzen Grats mag nicht zu den berühmtesten Gipfeln der Region zählen, doch was er an Bekanntheit vermissen lässt, macht er durch seine grandiose Aussicht mehr als wett.

Steiler Start in Wengen

Von Wengen aus führt der Weg gleich ordentlich bergauf – wer hier startet, sollte seine Kondition nicht unterschätzen. Der Glasmacherweg begleitet mich zunächst entlang eines munter plätschernden Bachs über saftige Wiesen, die im Morgenlicht geradezu leuchteten. Die ersten Schweißperlen zeigten mir deutlich: Das wird kein gemütlicher Spaziergang.

Der Anstieg durch die Wiesen fordert bereits in den ersten Minuten alles von den Beinen. Doch die Mühe lohnt sich – immer wieder öffnen sich Blicke zurück ins Tal, wo Wengen wie ein Spielzeugdorf zwischen den grünen Hügeln liegt. Die klare Herbstluft macht jeden Atemzug zu einem kleinen Genuss, auch wenn die Lungen bei diesem Tempo ordentlich arbeiten müssen.

Durch den Wald zur Alpe

Im Wald wird es angenehmer. Die Forststraßen schlängeln sich in moderaten Serpentinen bergan, und das dichte Blätterdach spendet willkommenen Schatten. Hier kann ich das Tempo etwas drosseln und die Ruhe des Waldes genießen. Nur das Knirschen der Blätter unter meinen Füßen und das gelegentliche Klopfen eines Spechts durchbrechen die Stille.

Nach gut einer Stunde erreiche ich die Mautstraße, die mich komfortabel zur Alpe Wenger Egg leitet. Die bewirtschaftete Alpe auf 1020 Metern ist ein perfekter Ort für eine erste Pause. Von der Terrasse aus schweift der Blick bereits weit über die Hügel des Westallgäus, und ich kann das nahe Raggenhorn mit seinem markanten Gipfelkreuz ausmachen.

Der Höhepunkt wartet oben

Der finale Anstieg zum Raggenhorn ist kurz, aber knackig. Ein schmaler Pfad windet sich durch Bergwiesen, die im September in allen erdenklichen Gelb- und Brauntönen schimmern. Die letzten Meter zum Gipfel haben es noch einmal in sich, doch dann stehe ich vor dem Gipfelkreuz und verstehe sofort, warum dieser Berg als einer der schönsten Aussichtsberge des Westallgäus gilt.

Das Panorama ist schlichtweg überwältigend. Im Norden glitzert der Bodensee wie ein silbernes Band in der Ferne, im Süden erheben sich die imposanten Gipfel der Allgäuer Hochalpen. Die Nagelfluhkette zieht sich wie eine gezackte Krone am Horizont entlang, und bei der klaren Septemberluft kann ich sogar den markanten Säntis in der Schweiz ausmachen.

Herbstliche Farbenspiele

Was diese Wanderung im September so besonders macht, sind die Farben. Die Laubbäume leuchten in warmen Gelb- und Rottönen, während die Wiesen bereits ihr herbstliches Kleid angelegt haben. Das satte Grün des Sommers weicht sanften Ocker- und Brauntönen, die in der tiefstehenden Sonne geradezu glühen. Es ist, als hätte ein Künstler die gesamte Landschaft mit warmen Pastelltönen überzogen.

Auf dem Gipfel nehme ich mir Zeit für eine ausgiebige Brotzeit. Die Ruhe hier oben ist wohltuend nach dem anstrengenden Aufstieg. Nur der Wind streicht sanft durch die Gräser, und ab und zu zieht ein Greifvogel seine Kreise über den Berghängen.

Entspannter Rückweg

Der Rückweg führt über die gleiche Route, doch bergab eröffnen sich völlig neue Perspektive auf die Landschaft. Was beim Aufstieg schweißtreibende Konzentration erforderte, wird nun zu einem entspannten Genuss der Aussichten. Besonders der Blick zurück zum Raggenhorn, das sich majestätisch über die Alpe erhebt, wird mir lange in Erinnerung bleiben.

Das Raggenhorn mag kein spektakulärer Dreitausender sein, aber genau das macht seinen Charme aus. Es ist ein Berg für Genießer, die bereit sind, sich die grandiose Aussicht zu verdienen. Wer die steilen Anstiege nicht scheut und konditionell fit ist, wird mit einem der schönsten Panoramen des Westallgäus belohnt – besonders im goldenen September, wenn der Herbst die Berge in sein schönstes Kleid hüllt.