Zwischen Moor und Basalt auf den Heidelstein
Mein Ziel an diesem winterlichen Februarmorgen war ein Berg, der mit seinen 925 Metern zu den Giganten der Rhön zählt und doch oft im Schatten seiner berühmten Geschwister, der Wasserkuppe und des Kreuzbergs, steht. Doch für mich ist der Heidelstein, der auch liebevoll Schwabenhimmel genannt wird, der Inbegriff dessen, was die Rhön als Land der offenen Fernen ausmacht. Er liegt genau dort, wo Hessen auf Bayern trifft. Ein grenzüberschreitendes Hochplateau, das im Winter eine fast archaische Kraft entfaltet.
Das Knirschen der Freiheit am Roten Moor
Es war ein bitterkalter, aber strahlender Tag. Mein Weg führte mich zunächst in das Herz des Naturschutzgebietes Rotes Moor. Dieses Hochmoor ist eines der ältesten und bedeutendsten Naturschutzgebiete Hessens und erstreckt sich über eine Fläche von rund 50 Hektar, eingebettet in ein noch größeres Schutzgebiet von über 300 Hektar. Im Winter wirkt das Moor wie eine schlafende, geheimnisvolle Welt. Der Holzbohlenpfad, der sich auf über einem Kilometer durch das Gelände schlängelt, war an diesem Morgen mit einer feinen Schicht aus Raureif überzogen.
Die Karpatenbirken, die hier ihren westlichsten Vorposten haben, standen wie bizarre Skelette in der Landschaft. Ihre dunklen Äste bildeten einen harten Kontrast zum strahlend blauen Himmel und den weißen Schneeresten, die wie Puderzucker über dem Heidekraut lagen. Alles hier ist auf das Überleben in einer extremen Umgebung programmiert. Das Rote Moor ist eine Kältesenke, in der sich die frostige Luft sammelt und so Bedingungen schafft, die eher an skandinavische Tundren erinnern als an deutsche Mittelgebirge.
Während ich über die Bohlen schritt, hielt ich immer wieder inne. Es war extrem still. Kein Vogelgezwitscher, kein Rascheln im Gebüsch, nur die Laute meiner eigenen Schritte. In dieser Stille findet die Seele ihren Freiraum. Besonders in Zeiten, in denen der Alltag uns oft atemlos zurücklässt, bietet die winterliche Rhön einen Rückzugsort, der fast schon therapeutisch wirkt. Ich dachte an den Torfabbau, der hier bis in die 80er Jahre stattfand und tiefe Wunden in das Moor gerissen hat. Heute ist die Renaturierung in vollem Gange, und das Moor darf wieder das sein, was es seit Jahrtausenden war: ein riesiger Wasserspeicher und ein Refugium für hochspezialisierte Lebensformen.
Am Ende des Bohlenpfades erreichte ich den Aussichtsturm. Der Aufstieg ist ein Muss, denn von oben bietet sich ein grandioser Blick über den Moorsee und den angrenzenden Karpatenbirkenwald. Der See war teilweise zugefroren, eine dunkle Fläche, die das Licht der tiefstehenden Wintersonne absorbierte. In der Ferne erhob sich bereits mein eigentliches Ziel: der Heidelstein mit seinem markanten Sendemast. Vom Turm aus konnte ich auch die Weite der Langen Rhön erahnen, sie ist das größte außeralpine Naturschutzgebiet Bayerns.
Über den Mathesberg zur Kaskadenschlucht
Nach dem Moor verließ ich die vertrauten Pfade und folgte der Extratour Rotes Moor in Richtung Mathesberg. Der Übergang vom geschützten Moorwald auf die offenen Flächen ist immer ein besonderer Moment. Plötzlich weitet sich der Horizont, und der Wind, der auf den Hochflächen der Rhön fast ständig weht, greift nach einem.
Der Boden am Mathesberg ist übersät mit Basaltsteinen, den stummen Zeugen des vulkanischen Ursprungs dieses Gebirges. Im Sommer blühen hier seltene Orchideen und die Arnika, doch jetzt im Winter war alles von einer harten Frostschicht überzogen. Ich suchte mir meinen Weg über die Wiesenpfade, die wie erstarrte Wesen in der Landschaft lagen.
Ein kleiner Abstecher führte mich hinunter zur Kaskadenschlucht. Der Abstieg entlang des Feldbachs ist im Winter eine echte Herausforderung für die Sinne. Das Wasser des Baches, das sich normalerweise sprudelnd seinen Weg über die Kaskaden sucht, war teilweise zu bizarren Eisskulpturen erstarrt. An den Felswänden hingen riesige Eiszapfen, die wie Orgelpfeifen glänzten. Das Rauschen des Wassers unter der Eisdecke klang gedämpft, fast so, als würde die Natur den Atem anhalten.
Dieser Ort hat einen fast alpinen Charakter. Die engen Serpentinen und der steile Hang erfordern volle Konzentration, doch die Belohnung ist eine Wildheit, die man in einem Mittelgebirge kaum vermutet. Ich genoss das Spiel von Licht und Schatten im tief eingeschnittenen Tal, bevor ich mich wieder an den Aufstieg Richtung Heidelstein machte.
Der Aufstieg zum Schwabenhimmel
Der eigentliche Gipfelsturm auf den Heidelstein ist kein steiler, brutaler Anstieg, sondern eher eine stetige Annäherung über weitgezogene Plateaus. Der Wind nahm nun deutlich zu. Er peitschte den feinen Schnee vor sich her und ließ mein Gesicht schnell kräftig rot werden. Es ist dieses faszinierende Gefühl des eingeeisten Gesichts, das einen daran erinnert, wie klein wir gegenüber den Elementen sind. Doch gleichzeitig breitete sich ein tiefes Grinsen in meinem Gesicht aus. Die Einsamkeit hier oben, weit weg von den geräumten Wegen und den überfüllten Ausflugszielen, ist ein Privileg.
Ich passierte die Ulsterquelle. Ein schlichter Quellstein auf etwa 875 Metern Höhe markiert den Ursprung dieses Flusses, der in die Werra mündet. Weiter oben auf dem langen Rücken des Heidelsteins bot sich mir dann das volle Panorama. Im Westen thronte die Wasserkuppe mit ihrer markanten Radarkuppel, am Himmel glitten ein paar einsame Segelflugzeuge, die die Aufwinde des Winters nutzten. Im Süden erkannte ich den Kreuzberg an seinen markanten Sendemasten. Es ist diese unbeschreibliche Weite, die einen hier oben packt und nicht mehr loslässt.
Kurz vor dem höchsten Punkt erreichte ich die Gedenkstätte des Rhönklubs auf der Ostkuppe des Heidelsteins. Dieses Denkmal erinnert an die verstorbenen Wanderfreunde des Vereins und nur ein kurzes Stück entfernt steht ein Mahnmal, das mich jedes Mal aufs Neue tief berührt. Es ist ein Kreuz, das aus dem Draht des ehemaligen Grenzzauns gefertigt wurde. Die Inschrift mahnt uns an das unsägliche Leiden der Teilung und ist gleichzeitig ein Symbol der Dankbarkeit für die Freiheit und Einheit aller Deutschen. Hier oben, auf dem Dach der Rhön, wo die Grenze einst so schmerzhaft verlief, wirkt diese Botschaft besonders stark.
Ich hielt einen Moment inne, ließ den Blick über die ehemalige Grenzzone schweifen, die heute als grünes Band ein wertvoller Biotopverbund ist. Die Stille an diesem Ort ist eine andere als im Moor. Sie ist ehrfürchtig, beladen mit Erinnerungen und doch voller Hoffnung.
Das Panorama der Unendlichkeit
Schließlich stand ich auf dem eigentlichen Gipfel des Heidelsteins. Der riesige Fernmeldemast überragte mich, ein technisches Relikt, das in der rauen Natur fast wie ein Fremdkörper wirkt und doch zur Identität des Berges gehört. Von hier aus verläuft die Grenze zwischen Bayern und Hessen direkt über das Plateau.
Bei der klaren Sicht dieses Tages reichte mein Blick unglaublich weit. Im Norden konnte ich den Hohen Meißner erahnen, im Osten den Thüringer Wald und ganz weit im Westen sogar den Großen Feldberg im Taunus. Es ist ein Moment der absoluten Freiheit. Ich suchte mir eine windgeschützte Stelle hinter einer der kleinen Baumgruppen und genoss meine Pause. Mein Tee dampfte in der kalten Luft und ich beobachtete, wie die Sonne langsam tiefer sank und die Landschaft in ein goldenes Licht tauchte. Anschließend genoss ich noch eine Weile den Blick vom Gipfel mit seinen unglaublichen Weiten.
Ein Rückweg mit Weitblick
Der Abstieg zurück Richtung Moordorf war ein entspanntes Auslaufen mit ständigem Weitblick. Der Weg führt sanft bergab und man hat den Heidelstein noch eine ganze Weile im Rücken, als wollte er einen verabschieden. Ich passierte den Parkplatz Schornhecke, einen weiteren beliebten Einstiegspunkt für Wanderungen zum Schwarzen Moor oder zum Heidelstein.
Kurz vor Erreichen meines Ausgangspunkts öffnete sich das Gelände noch einmal weit. Ich sah hinunter auf das Rote Moor, das nun im Schatten der heraufziehenden Dämmerung lag. Der Kontrast zwischen der sonnenbeschienenen Höhe und dem dunklen Moor war faszinierend. Es war, als würde ich aus einer anderen Welt zurückkehren.
Die Wanderung auf den Heidelstein war mehr als nur ein Ausflug in die Natur. Es war eine Reise durch verschiedene Landschaften und Emotionen. Von der mystischen Stille des Roten Moores über die wilde Kraft der Kaskadenschlucht bis hin zur erhabenen Weite des Gipfelplateaus bietet diese Tour alles, was das Wanderherz begehrt.
Die Rhön zeigt sich hier von ihrer abwechslungsreichsten Seite. Wer bereit ist, sich auf die Kälte einzulassen und den Wind als Begleiter zu akzeptieren, wird mit Erlebnissen belohnt, die lange nachklingen. Es ist ein Plädoyer für den Erhalt unserer Naturschönheiten und ein Beweis dafür, dass die schönsten Abenteuer oft direkt vor unserer Haustür liegen.