Eine Frühlingswanderung auf den Eisenberg
Es gibt diese Tage im März, an denen man es förmlich spüren kann. Dieses leise, aber unaufhaltsame Versprechen in der Luft, dass der Winter seine Macht verliert. Die Sonne hat schon eine zarte Kraft, der Himmel leuchtet in einem klaren, fast durchsichtigen Blau und in mir regt sich eine unbändige Sehnsucht: Raus! Die Beine vertreten, den Kopf freipusten und die ersten Boten des Frühlings begrüßen. Mein Ziel an diesem besonderen Tag war der Eisenberg im hessischen Bergland, das Dach des Knüllgebirges.
Ein Flüstern im Wald
Schon die ersten Schritte auf dem Pfad fühlen sich wie eine Befreiung an. Der Waldboden ist noch weich und feucht von der Schneeschmelze, und hier und da blitzen letzte, hartnäckige Eiskristalle im Schatten der Bäume. Die Luft ist kühl und rein, erfüllt vom harzigen Duft der Fichten und dem erdigen Geruch von feuchtem Laub. Es ist eine Welt im Übergang. Der Winter hat seine Spuren hinterlassen, doch das Leben kehrt mit Macht zurück. Das energische Klopfen eines Spechts durchbricht die Stille, und über mir im Geäst höre ich das zarte Zwitschern der ersten heimgekehrten Vögel.
Der Weg windet sich in sanften, aber stetigen Schleifen den Berg hinauf. Knorrige Buchen und hohe Fichten bilden ein schützendes Dach über mir. Moos überzieht die alten Stämme wie ein grüner Samtteppich und kleine Bäche murmeln munter unter umgestürzten Bäumen hindurch. Es ist keine anstrengende Plackerei, sondern ein meditatives Gehen. Mit jedem Höhenmeter lasse ich den Alltag ein Stück weiter unten zurück. Die Gedanken werden ruhiger, die Sinne schärfer. Ich konzentriere mich nur auf das Knirschen meiner Schritte, das Spiel von Licht und Schatten auf dem Waldboden und den Rhythmus meines Atems.
Gipfelglück und unendliche Weite
Nach einer Weile lichtet sich der Wald und gibt den Blick frei auf mein Ziel: den Borgmannturm, der wie ein steinerner Wächter auf der Kuppe des Eisenbergs thront. Dieser Anblick verleiht neue Energie für die letzten Meter. Oben angekommen, empfängt mich eine sanfte Brise und ein Gefühl von Offenheit und Raum. Der eigentliche Höhepunkt aber ist der Aufstieg auf den Turm. Stufe um Stufe schraube ich mich nach oben, bis ich schließlich auf der Aussichtsplattform stehe – und mir der Atem stockt.
Was für ein Panorama! Unter mir breitet sich das Knüllgebirge aus, eine sanft gewellte Landschaft aus Wäldern, Feldern und kleinen Dörfern, die wie hingetupft wirken. Der Blick schweift an diesem klaren Märztag unglaublich weit. Im Osten kann ich die markanten Konturen des Thüringer Waldes ausmachen, im Südosten zeichnet sich die Silhouette der Rhön ab. Die Welt liegt mir zu Füßen, still und friedlich. Ich verbringe eine lange Zeit hier oben, lasse den Blick wandern, genieße die wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht und speichere dieses Gefühl unendlicher Freiheit tief in mir ab. Dies sind die Momente, für die wir wandern gehen.
Der Abstieg und das leise Nachklingen
Der Weg zurück ins Tal fühlt sich anders an. Das Licht ist weicher geworden, die Schatten länger. Mit dem grandiosen Ausblick im Herzen und in den Beinen gehe ich beschwingt bergab. Ich entdecke Details am Wegesrand, die mir beim Aufstieg entgangen sind: winzige grüne Knospen, die sich an den Zweigen der Laubbäume gegen die Kälte stemmen, ein scheues Reh, das am Waldrand äst und bei meinem Anblick lautlos im Dickicht verschwindet.
Als ich wieder am Ausgangspunkt ankomme, fühle ich mich erfrischt und erneuert. Der Kopf ist frei, die Seele aufgetankt. Diese Wanderung auf den Eisenberg war mehr als nur eine sportliche Betätigung. Es war ein Dialog mit der Natur, ein bewusstes Erleben des Jahreszeitenwechsels und ein unvergessliches Rendezvous mit der Weite. Eine Tour, die ich jedem ans Herz legen kann, der eine kleine Auszeit vom Trubel sucht und die stille Schönheit der hessischen Mittelgebirgslandschaft entdecken möchte.