Eine stille Wanderung zur Dammersfeldkuppe

Mich erwartet ein mildes Winterwetter für einen Januartag in der Rhön. Dieses Geschenk kann ich mir nicht entgehen lassen und mache mich gleich zu Beginn des neuen Jahres auf den Weg in die Berge. Zunächst zum Schwarzen Moor und später weiter hinauf zur Dammersfeldkuppe. Ohne Hektik und Menschenmassen möchte ich das neue Jahr begrüßen, Schritt für Schritt eintauchen in die winterliche Rhön und die Natur ganz für mich alleine genießen.

Morgenstimmung im Schwarzen Moor

Gleich zu Beginn erwartet mich das Schwarze Moor, eines der bekanntesten Hochmoore der Rhön. Früh am Tag liegt eine fast mystische Stille über der Landschaft. Ein schmaler Bohlensteg führt mich hinein in diese urtümliche Szenerie aus braunen Gräsern und Moospolstern. Der Boden ist stellenweise gefroren, doch an einigen Stellen glitzert Tau im ersten Tageslicht. Ein schwacher Dunst schwebt über dem Moor und verleiht der Szenerie etwas Geheimnisvolles. Ich atme mehrmals tief ein: die Luft ist kalt und klar, erfüllt vom erdigen Geruch der Moorlandschaft.

Andächtig steige ich die wenigen Stufen des hölzernen Aussichtsturms am Rand des Moors hinauf. Von oben schweift mein Blick über die weite, flache Fläche des Schwarzen Moors und die umliegenden Hügel der Hochrhön. Die Sonne kämpft sich langsam durch die Wolken und taucht die Moorfläche in ein sanftes Licht. Für einen Moment stehe ich einfach nur da und spüre eine tiefe Ruhe in mir aufsteigen.

Einsame Pfade durch den Wald

Nach diesem stimmungsvollen Start fahre ich ein Stück weiter und beginne den eigentlichen Anstieg zur Dammersfeldkuppe, dem zweithöchsten Berg der Rhön. Ein unscheinbarer Waldweg führt mich vom Rand der Hochrhön hinein in dichtes Nadelwaldgebiet. Die Beschilderung ist spärlich, doch ich habe eine grobe Karte im Kopf und folge meinem Bauchgefühl entlang des Pfades.

Die Landschaft wechselt vom offenen Moor zu stillem Wald. Zwischen den Fichten und Kiefern fallen vereinzelt Sonnenstrahlen auf den Weg und malen helle Flecken auf den mit Nadeln bedeckten Boden. Das leise Knirschen von Kies unter meinen Schuhen und mein eigener Atem sind die einzigen Geräusche, die mich begleiten. Je höher ich komme, desto kühler wird die Luft. Eine dünne Nebelschicht hängt zwischen den Stämmen und verleiht dem Wald etwas Märchenhaftes.

Es verwundert mich nicht, dass ich niemandem begegne: Die Dammersfeldkuppe liegt mitten in einem militärischen Sperrgebiet und ist für gewöhnliche Wanderer kaum zugänglich. Umso mehr genieße ich das Privileg, diesen selten begangenen Pfad heute ganz für mich allein zu haben. Jeder Schritt bringt mich tiefer in die Einsamkeit des winterlichen Waldes. Ich fühle mich weit weg von allem und es ist genau das, was ich gesucht habe.

Ruhe statt Panorama am Gipfel

Nach gut zwei Stunden gelassenen Wanderns erkenne ich, dass ich den höchsten Punkt beinahe erreicht habe. Einen klassischen Gipfel gibt es hier oben nicht. Kein Kreuz, keine Hütte, kein Schild. Um mich herum stehen hohe Fichten und vereinzelte kahle Buchen, ihre Zweige rascheln leise im Wind. Eine kleine Lichtung am Wegesrand bietet mir die Gelegenheit, wenigstens einen Teil des grandiosen Rhön-Panoramas erahnen zu können: Durch eine Lücke zwischen den Bäumen meine ich in der Ferne die Kontur der Wasserkuppe zu erkennen und weiter südlich erhebt sich der kegelförmige Kreuzberg am Horizont. Doch wirklich weit reicht die Sicht heute nicht, ein dichter Dunst hängt am Himmel und verschluckt die Fernsicht.

Anstatt eines spektakulären Rundumblicks empfängt mich hier oben vor allem eines: wunderbare Stille. Ich schließe für einen Moment die Augen und lausche in mich hinein. Kein anderer Wanderer weit und breit, nur das leise Säuseln des Windes, das Knarren der Bäume und mein eigener Atem. Ruhe statt Panorama, denke ich mir und muss lächeln. Genau diese unaufgeregte Szenerie gibt mir das Gefühl, angekommen zu sein.

Ich setze mich auf einen moosbewachsenen Baumstumpf und gönne mir eine kleine Pause. Aus der Thermoskanne gieße ich mir einen heißen Tee in den Becher. Langsam schlürfe ich das wärmende Getränk und lasse die Umgebung auf mich wirken. In Gedanken danke ich der Rhön für diese kostbaren Momente der Einsamkeit, bei denen ich wunderbar über meine Ziele für die nächsten Monate nachdenken kann.

Ein freier Kopf und müde Beine

Der Rückweg erfolgt auf demselben Weg. Schritt für Schritt wandere ich talwärts, während sich die Dämmerung bereits ankündigt. Die milden Temperaturen halten an und noch immer kein Regen in Sicht. Meine Beine sind etwas müde, mein Kopf wohltuend frei. Als ich schließlich den Ausgangspunkt wieder erreiche, liegt eine sanfte Abendstille über dem Wald. Im letzten Licht blicke ich zurück in Richtung Dammersfeldkuppe: unsichtbar hinter Bäumen und doch präsent als Gefühl der Zufriedenheit in mir.

Diese Tour mag auf den ersten Blick nichts Spektakuläres geboten haben. Kein Sonnenschein, kein Fernblick und auch kein markanter Gipfelpunkt. Und dennoch war sie für mich etwas ganz Besonderes. Sie war Entschleunigung pur und genau die Entspannung zum Start ins Jahr, die ich gebraucht habe. Die Kombination aus mystischem Moor und einsamer Gipfelwanderung hat mich wunderbar geerdet und positiv auf das vor mir liegende Jahr eingestimmt.